Wall of Death, Original Motodrom

STRASSE OHNE ENDE

Sie ist die älteste reisende Steilwand der Welt, ihre Bretter und Planken knarzen und biegen sich, wenn Donald Ganslmeier mit seinen „Motorellos“ darin der Schwerkraft trotzen. Auf alten Indians führen sie atemberaubende Motorrad-Akrobatik vor. Seit mittlerweile fast einem Jahrhundert unterhalten diese Gerätschaften auf Jahrmärkten Besucher jeden Alters. Die Faszination der „Wall of Death“ ist ein zeitloses und höchst bewegendes Spektakel.

Sobald die Stufen hinauf zum Kesselrand erklommen sind, der Blick ins Innere des riesigen Zylinders frei wird und der Wind den Geruch von Benzin und Öl durchs Zeltdach bläst, fühlt man sich in eine andere Welt versetzt. Der Ansager unten auf der Parade animiert weiter – hin die bevorstehende Show zu besuchen – „Tollkühnheit, Nervenkitzel, Adrenalin pur“ – sind seine Worte. Und schon während der Einführungsrunden durch den „echten Wikinger“ Peter Petersen wird man als Zuschauer von der wagemutigen Motorrad-Artistik in diesem wackelnden Holzkessel in den Bann gezogen. Man verspürt sofort einen Adrenalineinschuss, wenn Petersen direkt vor den eigenen Augen einen Schlenker bis knapp unter die Drahtseilbegrenzung fährt, der Lärm und Fahrtwind inklusive Abgasgestank ins Gesicht bläst und der Boden unter einem zu schwanken beginnt.

„Wenn Steilwandfahrer ins Dorf kamen, hieß es früher, die Töchter besser nicht aufs Volksfest gehen zu lassen“ – so wurde es jedenfalls Donald Ganslmeier überliefert, der sich nach seinem Wehrdienst aufs Motorrad setzte, nach England fuhr und bei Ken Fox das Handwerk des Steilwandakrobaten erlernte. „Ein Steilwandfahrer muss hart arbeiten und was aushalten können“, denn für sein „Original Motodrom“, das Ganslmeier im vorigen Jahr seinem früheren Chef Hugo Dabbert ab – kaufte und von Grund auf renoviert hat, kann er keine Diskotänzer ge – brauchen. Gut zwei Tage dauert es nämlich, bis die so genannte Sohle absolut gerade ausgelegt, 18 Wandelemente aufgestellt und mit Drahtseilen verzurrt, das Zuschauer – podium sowie die Parade gelegt und das Zeltdach am zwölf Meter hohen Zentral-Mast gehängt ist – fast 25 Tonnen Gewicht, die von den beiden Sattelschleppern und einem 7,5- Tonner runter und nach dem Engagement wieder aufgeladen werden möchten. Nur mit Muskelkraft, versteht sich.

Die Konstruktion einer Steilwand, gern auch „Todeswand“ genannt, geht zurück auf die Erfahrungen und Baupläne, die der ehemalige USamerikanische Indian-Werksrennfahrer Earle Armstrong gegen 1915 in das weltweit erste „Silodrome“ einfließen ließ. Zuvor zeigten Akrobatik- Fahrer ihre waghalsigen Stunts auf bis zu 75 Grad steilen Holzbahnen, und so war eine senkrecht stehende Wand nur eine logische und konsequente Weiterentwicklung dieser „Round Tracks“. Bereits kurz darauf avancierten in Vergnügungsparks diese „Motordromes“ zu wahren Rennern, denn wer konnte sich damals schon vorstellen, wie das rein physikalisch funktionieren soll?

Im Jahr 1928 vergab der Münchner Schausteller Josef Ruprecht an eine Berliner Firma den Auftrag, eine transportable Steilwand zu bauen. Per Bahn war sie in den dreißiger Jahren sogar nach Breslau, Danzig, Stettin und Böhmen gereist, und die Kriegsjahre konnten annähernd un – versehrt in Luxemburg überstanden werden. Bereits Ende der fünfziger Jahre stieg Hugo Dabbert als Fahrer beim damaligen Besitzer Armin Schubert ein und übernahm 1984 schließlich das Fahrgeschäft. Er modernisierte die nun „Motodrom“ genannte Wand grundlegend, formte mit seinen „Motorellos“ ein neues Show-Programm, das heute immer noch weitgehendst so gezeigt wird. Der gebürtige Däne Peter „der Wikinger“ Petersen gab sein Debüt 1988 bei „Roland’s Motorshow“, fuhr später auch bei Hugo und Laila Dabbert Akrobatik, bis er aus familiären Gründen den Beruf des Steilwandfahrers aufgab. Als ihn Donald in diesem Frühjahr unverhofft nach zwanzig Jahren Abstinenz als Fahrer haben wollte, zögerte er nur kurz und ist nun wieder eine feste Größe der „Motorellos“. Einmal Steilwand – fahrer – immer Steilwandfahrer.

Clemens, gelernter Zimmerer, war bei der Renovierung unverzichtbar und drehte schon nach kurzer Zeit auf der Honda CM 200 seine ersten Runden. Mit Kara ist nun auch wieder eine Frau im Team, die sogar ihren Job bei Film und Fernsehen aufgab, um sich ihren lange ge hegten Traum erfüllen zu können, als Steilwandfahrerin mit auf Tour zu sein. Sollte gesundheitsbedingt einmal einer seiner Fahrer ausfallen, springen für Ganslmeier auch gern mal die alten Kollegen von der Ken Fox Truppe aus England ein.

Im ersten Jahr nach der Übernahme war Hugo Dabbert noch eine unverzichtbare Unterstützung, der nicht nur mit all seinen ge sammelten Kontakten Starthilfe gab oder die Ansagen auf der Parade übernahm, sondern auch den neuen Fahrern mit Tipps und Tricks aus seinem immensen Erfahrungsschatz die Angst vor der Wand nahm. Es gehört schon eine gehörige Portion Mut dazu, mit der Honda zunächst auf der schrägen Startrampe ein paar Runden zu balancieren, hochzuschalten und dann irgendwann mit der richtigen Geschwindigkeit und dem nötigen Schwung auf die senkrechte Fahrbahn zu wechseln. Es müssen schon mindestens 45 km/h sein, damit der Anpressdruck durch die Zentrifugal – kräfte hoch genug ist, um das Motorrad samt Fahrer an die Wand zu pressen. Eine Runde sollte zirka drei Sekunden dauern, so jedenfalls können sich die Fahranfänger auch ohne Tacho ein wenig orientieren. Die größten Schwierigkeiten seien dabei, die anfangs auftretenden Schwindel – gefühle in den Griff zu bekommen oder wegen zu niedriger Geschwindigkeit von der Wand ab zurutschen. „Es ist ein geiles Gefühl“, meint Clemens, „wenn sich nach vielen Trainingsfahrten endlich Sicherheit einstellt und man ,auf der Straße ohne Ende‘ seine Runden ziehen kann.“ Für Donald Ganslmeier war nach knapp zwanzig Jahren in der Wand und einigen Knochenbrüchen später klar, dass er keinen anderen Beruf als den des Steilwandfahrers ausüben möchte. „Mir ist wichtig, die Kunst des Steilwandartisten am Leben zu erhalten und sie auch so traditionell zu zeigen.“ In Deutschland gibt es nämlich neben dem Motodrom noch zwei andere Steilwände, aber keiner setzt so vehement auf Originalität wie Ganslmeier. Und ihm, der nur wenige nicht tätowierte Körper regionen zu haben scheint, nimmt man das uneingeschränkt ab. In den engen schwarzen Reiterhosen und hohen Lederstiefeln sehen die Motorellos auf den Indian Scouts aus, als kämen sie aus einer anderen, längst vergangenen Zeit, zu der Steilwandfahren noch als ein angesehener Beruf galt. Und wenn Ganslmeier auf eine seiner fünf Indians steigt, den bollernden V-Twin auf Touren bringt, sieht man sofort, dass er seinen Job mit Stolz präsentiert.

Mit eleganter Leichtigkeit zieht er die ersten Runden seiner Show noch sitzend, was er aber dann Die Fahrzeuge Das Lieblings-Arbeitsgerät des Steilwandfahrers ist die Indian Scout 101, die wegen ihres niedrigen Schwerpunkts (noch unter der Radachse) und der robusten Bauart das ideale Fahrzeug darstellt. Das Fahrzeug mit dem 750-ccm-V-Twin wurde zwischen 1927 und 1931 gebaut, leistet 18 PS, besitzt eine Dreigang-Hand-Tankschaltung und Fußkupplung. Fünf dieser edlen Stücke werden im Motodrom gehegt, gepflegt und eingesetzt. Das Steilwand- Fahrschulfahrzeug ist eine Honda CM 200, bei der lediglich die hinteren Federbeine gegen ein Vierkantrohr getauscht und Schutzbleche entfernt wurden. Weiters befinden sich im Fuhrpark zwei BMW R 51/2-Motorräder und ein BMW Dixie Formel V-Rennwagen aus dem Jahr 1928. Die Steilwand Der vollständig aus Holz gefertigte Zylinder mit 18 Wandelementen misst 9,80 Meter im Durchmesser und ist sechs Meter hoch. Der Zentral-Mast hat eine Höhe von zwölf Metern, der komplette Durchmesser inklusive der Sohle-Balken liegt bei 15,20 Metern. Bis zu 200 Zuschauer können die etwa elf Minuten lang dauernde Show bewundern. in den nächsten Minuten zeigt, ist für die meisten Normal-Motorradfahrer nicht mal auf ebener Straße realisierbar. Geschweige denn an einer sechs Meter hohen, senkrechten Bretterwand entlang. Ästhetisch wie ein Dressur-Reiter zieht er seitlich auf den Trittbrettern stehend oder auf dem Sitz mit verschränkten Armen sitzend, die Beine über den Lenker geschlungen, oder sonstigen stets freihändigen Figuren seine Runden auf der holprigen Holzbahn, als wäre es das Normalste der Welt. Dass auf ihn wegen der hohen Zentrifugalkraft dabei das dreieinhalbfache seines Körpergewichts drückt, sieht man ihm nicht an. Im Gegenteil, er animiert dabei sein Publikum sogar noch zu Beifallsbekundungen oder scherzt beim Überholungsrennen mit seinem Partner Clemens.

Auch wenn die Show so spielend leicht aussieht – das Risiko fährt immer mit. Und das bis zu vierzig Mal am Tag, wenn bei Events wie den BMW Days in Garmisch, der Kustom Kulture in Bottrop oder dem Münchner Oktoberfest der Besucher – andrang so hoch ist, dass alle halbe Stunde, bis spät in die Nacht, eine Show gefahren werden muss. Ohne Helm und ohne doppelten Boden. Das fordert ständige Konzentration und geht an die Substanz. Wenn Ganslmeier dem Publikum er klärt, dass keine Versicherung bereit sei, seine Fahrer gegen Unfall zu ver – sichern, dann ist das kein Scherz. Die Risikogruppe ist zwar mit weltweit fünfzig bis siebzig Fahrern überschaubar groß, aber die Wahrschein – lichkeit eines Unfalls ist in jeder Runde gegeben. Deswegen freuen sich die Motorellos über jede Spende in die selbst organisierte Unfall kasse am Ende jeder Vorstellung. Gerade weil sich in all den Jahren im Motodrom so wenig geändert hat und man für kleines Geld eine einzig – artige Vorstellung geboten bekommt, sollte man eine Show besuchen. Unter www.motodrom.de findet man neben Fotos und Videos auch einen Tourplan, und sicher findet auch bald knapp außerhalb Ihrer Komfortzone ein Volksfest statt.

 

Website: www.motodrom.de

Hermann Köpf
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