Ehinger Kraftrad, Hamburg

Zu Besuch bei Ehinger Kraftrad, Speicherstadt Hamburg

Wer schon mal von der Hamburger Speicherstadt gehört oder gar in einem der Gebäude gewesen ist, weiß von der traditionsreichen Geschichte dieser Gebäude. Als Teilstück des Hamburger Freihafens dienten diese in erster Linie als Lager für Handelsware, welche teilweise auch für den Weiterverkauf von den Quartiersleuten weiterverarbeitet und aufbereitet wurde. Zwar sind die Motorräder von Uwe Ehinger keine reinrassige Handelsware, betrachtet man aber seine persönliche Geschichte, so gibt es für ihn und seine Partnerin Katrin Oeding kaum einen passenderen Platz für ihr Business, als diesen Ort.

Ehingers familiärer Stammbaum reicht angeblich bis ins achte Jahrhundert zurück. In Wellingsbüttel bei Hamburg aufgewachsen, machte sich aber schon in jungen Jahren in die Welt auf und erkannte früh, dass er dank seiner Abenteuerlust, nötigem Sachverstand und realistischem Marktüberblick rostiges altes Eisen zu glänzend barer Münze machen kann. So hat er von Ende 1970er bis -90er Jahre mehrere Tausend Motorräder gehandelt – einzelne englische oder italienische, aber in erster Linie Harley Davidsons. Darunter teilweise sogar ganze Rest-Fahrzeugbestände der koreanischen Armee oder der argentinischer Polizei. An einer Glasfront im Besprechungsabteil des Büros zeugen hunderte angeklebter Fotos von der unglaublichen Menge an Fahrzeugen, die er zusammen mit seinem damaligen Kumpel und Geschäftspartner aus Garagen und Hinterhöfen herauszog. Der Mann hat was erlebt, was er auch mit ein paar krassen Geschichten aus dem Nähkästchen unterstreichen kann. Die Fotos, sagt Katrin Oeding, werden gerade sortiert und in einem Buchprojekt zusammengestellt. Ein Zeugnis vergangener Zeiten, nicht mehr wiederkehrend.

Anfang des aktuellen Jahrtausends legt er dann zusammen mit seiner Lebenspartnerin, der renommierten Grafik-Designerin Katrin Oeding, im Hamburger Hafen an. Beide haben eine Menge Benzin im Blut und so ist schnell ein klar, dass mit Zusammenlegung der beiden beruflichen Fachgebiete ein Geschäftsmodell entwickelt werden muss.

Über die letzte Dekade hinweg beginnt Uwe Ehinger dann mit dem Bau von selbst gestalteten Custom-Bikes. Alte, teils sehr rare Originalteile werden aber nicht einfach so aus dem noch riesigen Lagerbestand genommen und verbaut, wie der bis zu 80 Jahre alte technische Stand von damals gewesen war. Nein, er beginnt schon früh damit all diese Teile akribisch zu vermessen und im CAD-System nachzubauen. Diese Investition zahlt sich nun im wahrsten Sinne des Wortes immer mehr aus, sei es bei der optischen Gestaltung eines Builds am Rechner – indem seine Kreationen wie aus einem Baukastensystem zusammengestellt werden können oder bei der technischen Konzeption, wenn beispielsweise ein 1946er U-Motor mit 1936er 80 Kubik-Inches VLH-Zylindern kombiniert wird – wie zuletzt beim ‘Snowracer’ geschehen.

Bei genauerem Blick wird einem auch schnell klar, dass nicht nur die äußerlich sichtbaren Komponenten wie Bremsen, Gabel oder Kupplung individuell konstruierte und gefertigte Sonderlösungen sind, sondern das Innenleben eines Motors auch auf Stand aktuell möglicher Technik getrimmt sein muss. Und in der Tat, so Ehinger, sind zum Beispiel die 1948er ULH Zylinderköpfe im Sinne höherer Leistung bei besserer Kühlung überarbeitet oder die H-D 4 Nockenwellen ‘rundum’ optimiert. Ebenso wurde ein Baker-Getriebe mit sechs (anstelle der vier ursprünglichen) Gänge eingepflanzt, das modernen Ansprüchen genügen soll. Ein 36mm Dell’Orto Vergaser zeigt auch, dass der alte Designer-Spruch ‘Form follows Function’ auch auf der Straße gilt.

Generell ist Ehinger wichtig, dass seine Fahrzeuge zwar aus historisch zusammenpassenden Originalteilen entstehen oder auch die einfarbigen Lackierungen konzeptionell passen, noch mehr Wert legt er aber darauf, dass auch mit innovativen Lösungen tatsächliche neue Werte geschaffen werden. Denn was soll es bringen, so meint er, wenn alte Technik nur neu verschraubt wird und keinerlei Verbesserung in sich birgt? „Das sollen andere machen, unser Ziel ist es jedenfalls nicht. Wir wollen Tradition mit Innovation verbinden und dadurch etwas Eigenes, was Besonderes entstehen lassen.“

Regelmäßig heimst er mit seinen Bikes international Preise ein, die Customizer-Fachwelt ist sich über seinen Status einig, die H-D-Afficionados schätzen sein Wissen und Können. Die langen Entwicklungs- und Bauzeiten, die verwendeten Komponenten und Materialien sowie die hochwertige Fertigung zahlen sich also aus. Zwar ist das Ehinger-Klientel nicht unbedingt an jeder Tankstelle zu finden, dennoch sind die wenigen Bauten keine Ladenhüter.

Aber wie erreicht man diese Kundschaft? Jede Liga, jede Szene hat ihre eigenen Gesetze und ein Image ist schnell aufgesetzt. Gerade in Zeiten hocheffizienter digitaler Verbreitungsmöglichkeiten ploppen immer wieder neue, coole Typen und Customizing-Garagen auf den Bildschirm, die mit coolen Videos nach Aufmerksamkeit haschen. Aber egal in welchen Branchen man sich umsieht – dauerhaften Bestand und wirkliche Wert haben meist nur diejenigen Unternehmungen geschaffen, welche auch über lange Etappen hinweg an ihren eigenen Werten festgehalten und diese auch glaubhaft transportiert haben. So ist es nicht verwunderlich, dass die Marke „Ehinger Kraftrad“ genau nach diesen Mustern aufgebaut wird. Ein starker Marken-Name, ein traditionsvermittelndes Logo mit dem Ehinger-Familienwappen, eine klare Formsprache unterstreichen dieses Vorhaben. Nicht mal auf Facebook haben sie eine Seite. Ihr Klientel wahrscheinlich auch gar keinen Account. Da sind eben Profis am Werk.

Behutsam wird ein „Brand“ geschaffen, auf Qualität und Tradition aufbauend, konsequent wird kommuniziert. Katrin Oeding weiß wovon sie spricht, erarbeitet sie mit ihrem ‘Studio Oeding’ doch für namhafte Kunden ‘ganzheitliche Gestaltungslösungen im Bereich Markenentwicklung und Corporate Design’. „Die Motorräder sind erst der Anfang von Ehinger Kraftrad gewesen“ meint sie und fügt hinzu, dass aus den technischen Eigenentwicklungen bald auch handgemachte Fahrzeug-Komponenten zum Kauf angeboten werden können. Ebenso wird parallel bereits an einer eigenen Fashion-Linie gearbeitet, mit Motorrad-Jacken, Shirts, und Accessoires. Natürlich werden alle Produkte – seien es Motorrad-Teile oder Bekleidung – in Zusammenarbeit mit heimischen Werkstätten und Produzenten entwickelt und gefertigt. Oft gehörte Begriffe wie Nachhaltigkeit, Qualität, Verantwortlichkeit sind für die beiden eben eine Selbstverständlichkeit. Altes mit Neuem zu kombinieren, Tradition und Moderne, Kaufen und Verkaufen – Ehinger Kraftrad sind eben moderne Quartiersleute und haben in der Speicherstadt den perfekten Ort für ihr Business gefunden.

 

Website: www.ehingerkraftrad.com

Hermann Köpf
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