Yasu und sein BMW Chopper

Yasu und sein BMW Chopper

Als Yasunobu vor fünf Jahren nach München kommt, war für ihn klar, dass er auch in seiner neuen Heimat einen Chopper fahren will. Und weil er sogar von seinem Balkon aus das BMW-Vierzylinder-Gebäude sehen kann, liegt nichts näher als ein BMW Chopper.

Aufgewachsen in Yokohama, kommt Yasu-San schon als kleiner Junge mit Motorräder in Berührung: In seiner Nachbarschaft wohnt ein Kerl, der sich mit einem seltsamen Motorrad am liebsten spät abends auf die Straßen Yokohamas und Tokios aufmacht, um mit seinen Kumpels ordentlich auf Krawall zu bürsten. Dieser ist nämlich Mitglied einer berüchtigten Bozozoku-Gang, die meist in größeren Gruppen und immer ohne Auspuff die Straßen unsicher machen und lautstark provozieren. Kein Wunder also, dass Yasunobu bei diesen Erlebnissen auch im späteren Leben selbst nicht wirklich in das geregelte japanische Gesellschaftsmuster passen und lieber auf einem Motorrad die Welt erkunden will.

Nach der Schule bereist er als ‘Backpacker’ viele Länder und lernt dabei Lebensweisen und Kulturen kennen, die ihm bisher nur aus Büchern und Filmen bekannt waren. Einer dieser Filme ist ‘Easy Rider’ mit Peter Fonda und Dennis Hopper, der seine Begeisterung für Chopper und den Kult darum erweckt. Er verschlingt nun alles was mit langen Gabeln zu tun hat, lässt sich die Haare lang wachsen, jobbt eine Weile bei Mooneyes, spielt Drums in Punk-Rock-Bands und nutzt jede freie Stunde sich seiner ‘Moto-Love’ zu widmen.
„Schon als ich als Kind meinen Nachbarn immer mit seinem lauten Motorrad wegfahren sah, wusste ich, dass ich irgendwann auch mal Motorradfahren möchte“ sagt Yasu und erzählt von seiner geliebten Honda Eco, die er über Jahre hinweg zum Chopper umbaut, mit Langgabel und hohem Lenker, natürlich mit Sissybar, vorverlegten Fußrasten und einem viel zu langen Auspuff.
Seine BMW findet er über eine Internet-Kleinanzeige im Münchner Umland, komplett zerlegt in Kisten verpackt, und kauft das Schnäppchen einem älteren Herren ab. Ohne jegliche Dokumentation über die durchgeführten Umbaumaßnahmen baut er es Stück für Stück zuerst in seiner Wohnung zusammen, bis seine Frau Veto einlegt und er die restlichen Arbeiten in einer Schraubergarage in München-Neuperlach fortführt. „Teile des Motorblocks habe ich im Wohnzimmer aufpoliert, bis meine Frau das nicht mehr so gut fand“ fügt er hinzu und grinst dabei.
Das Herz dieses Unikats bildet ein 750 ccm /5-Motor aus dem Jahre 1972, am Rahmen ist das Baujahr 1973 eingestempelt, der im hinteren Bereich ein geschwungenes Eigenbau-Heck angeschraubt bekommen hat. Die verchromte Sissybar einer Kawasaki findet er im Internet, baut sie kurzerhand an, ebenso originale Blinker anstelle der mitgelieferten Ochsenaugen. Woher die lange Gabel kommt, ist nicht sicher, könnte aber durchaus eine AME-Gabel sein, meint Yasu.
„Die Elektrik ist nicht sehr professionell verlegt, aber ich finde die frei liegenden Kabel schöner und auch einfacher zu reparieren, als im Rahmen versteckte Kabelage“ gibt er zu. Manchmal macht ihm diese Probleme und er muss sie am Straßenrand stehend wieder reparieren. Aber alles in Allem sei es ein zuverlässiges Motorrad, mit dem er täglich zu seiner Arbeitsstätte fährt, einem veganen Café in Schwabing, in dem er als Koch arbeitet. Seinen bisherigen Job als Webdesigner gibt er auf, weil ihm das Arbeiten am Computer keinen Spaß mehr macht und er im Café mit vielen neuen Leuten in Kontakt kommen kann.
Wie er ausgerechnet nach München kommt? Natürlich der Liebe wegen. Bei einer Indienreise lernte er einen Bayer kennen, der ihn in Kontakt mit seiner Tochter bringt, die sich von ihm Tips für ihre Japan-Reise erhofft. In vielen Mails und Skype-Calls kommen die beiden sich näher, treffen und verlieben sich schließlich ineinander. Als kurz darauf im Frühjahr 2011 die Erde bebt und Yasunobu den Aussagen der japanischen Regierung bezüglich radioaktiver Strahlung in Umwelt und Nahrung nicht mehr traut, war seine Auswanderung nach Deutschland schnell beschlossene Sache. Und – dass er es nicht lange ohne Chopper aushalten wird, war ebenso klar, wie, dass es eine BMW sein muss.
Hermann Köpf
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