Snow Quake by Sideburn Magazine

Sideburn’s Snow Quake 2017

Bei perfekten Wintersportbedingungen trafen sich Mitte Januar eine Horde Unverfrorener im italienischen Riva Valdobbia zum Eisrennen. Unser Autor schraubte sich kurzerhand Spikes in die Reifen seiner Ducati Pantah und fuhr in der Klasse für ‘Unangebrachte’ mit. Ein Erlebnisbericht.

Knapp zwei Autostunden nordwestlich von Mailand gibt es im immerschattigen Wintersportort Riva Valdobbia im Valsesia-Tal seit Anfang des Jahrtausends den ‘Ice Rosa Ring’, ein 960 Meter langer Rundkurs aus blankem Eis. Ein findiger Bauunternehmer hatte damals zusammen mit ein paar Investoren die Idee sich im Schatten des Monte Rosa-Massivs diese natürlichen Begebenheiten zu Nutze zu machen, planierte flugs einen Rundkurs mit fünf-sechs Kurven und nur leichten An- bzw. Abstiegen, der abends bewässert und so über Nacht zur Eisbahn gefriert. Seither wird die Strecke vornehmlich von der Autoindustrie für Fahr- und Reifentests oder für Trainings- und Rennveranstaltungen gemietet.

Bereits zum zweiten Mal kamen kürzlich knapp 40 Motorradfahrer aus halb Europa ins Piemont, um beim ‘Snow Quake’-Spaßrennen teilzunehmen. Initiator und Ausrichter sind der Engländer Gary Inman, der mit seinem ‘Sideburn Magazin’ ein Szeneheft für Flattrack- und sonstige schräge Fahrzeugliebhaber etabliert hat und auch im Juli jeden Jahres das ‘Dirt Quake’ organisiert (Flattrack-Spaßrennen in Kings Lynn, UK), der Klamotten-Hersteller und Szenecafé-Betreiber ‘Deus Ex Machina’ aus Mailand sowie Hauptsponsor ‘Yamaha Faster Sons’. Eine Hand voll Besucher und jede Menge Medienvertreter wärmten sich an brennenden Fässern ihre Finger und vergnügten sich bei Salsiccia mit Sauerkraut und Glühwein zwischen den Rennläufen.

Nach der Registrierung und Startnummernausgabe (farbige Brotzeit-Papier-Teller mit Filzstiftnummer drauf) gibt es zuerst noch in der Fahrerbesprechung ein paar wichtige Hinweise für Teilnehmer und Fotografen, bevor bei einigen Fahrzeugen sogleich die ersten Batterien schlapp machen. Immerhin stolze -9 Grad Celsius misst das Thermometer, was sich den ganzen Tag nicht ändern wird und das Motoröl ganz schön zäh fließen lässt, so dass der Elektrostarter meiner Italienerin kein Feuerchen entfacht. Glücklicherweise helfen schiebende Passanten die V2 an und der Tag ist gerettet.

In drei Klassen eingeteilt – Racer (Rennmotorräder), Vintage (Oldtimer) und Inappropriate (Unangebrachte) – können vormittags erste Fahrgefühle auf dem Eis getestet und dabei der beste Reifendruck ausfindig gemacht werden. Maximal 5mm lange Spikes und maximal 12 Stück pro 10cm Lauffläche war eigentlich in der Ausschreibung vorgegeben worden, aber schon beim Parkplatz-Rundgang ist schnell klar, dass sich nur die Wenigsten bei ihren Vorbereitungen an diese Regel halten. Glück für die, die noch mehr Spikes dabei haben, denn per Akkubohrer werden noch heimlich ‘Kold Kutter’ oder ‘Best Grip’ Spikes in die Stollen reingedreht. Pech für die Ehrlichen, denn beim Eisfahren gilt das ungeschriebene Gesetz: je mehr desto besser. Nicht unbedingt die Länge entscheidet – es sei denn wir sprechen von Eisspeedway-Bedingungen, bei denen bekanntlich bis zu 28mm lange Nägel zum Einsatz kommen.

Als Eis-Novize mit vorschriftsmäßiger Bespikeung auf der 500er Pantah stellt sich leider gleich beim ersten Rennstart Ernüchterung ein, als selbst Vespas und Mopeds mit hunderten von Holz-Spacks in den kleinen Pneus von mir wegziehen, als wäre auf wundersame Weise das Eis unter ihnen geschmolzen. Trotz minimalen Reifendrucks von etwa 1bar und damit erhoffter Reifenauflageflächenvergrößerung können meine 46 Pferde nicht wirklich aufs Eis gebracht werden. Mit schlingerndem Heck geht es also von der Startlinie weg den ersten Hügel hinauf, im ersten Gang um die enge Kurve und dann alles im Zweiten und mit Top-Speed die lange Gerade hinunter zur großen und Drift-freudigen Linkskurve, bevor es wieder in die nächste Runde geht. An manchen Stellen sind bereits nach dem Training tiefe Spurrillen im Eis, vermutlich von einem Gesetzesbrecher mit Spike-Überschuss. Mein Vorderrad (18“ FPS-Originalfelge und 4.10“-‘Shinko Golden Boy’) mit genügend Spikes – hier gab es schließlich keine Vorgaben, an die sich ein Deutscher zu halten hätte – läuft gut und rutscht selbst bei mehr Schräglage nur wenig aus der erwünschten Spur. Aber das Hinterrad (18“ Oscam-Felge mit 120er Mitas Speedy Ice) muss besonders in den abschüssigen Kurven kräftig im Zaum gehalten werden, denn ein wenig zu viel Querstand und Schräglage bedeutet einen prompten Bartleger, können sich die äußeren Spikes schließlich nicht mehr genügend ins Eis bohren. Solch ein Eistanz erfordert durchaus eine gut stützende Beinarbeit und fein führende Gashand.

Natürlich fährt bei einer Veranstaltung wie dieser auch das Auge mit. Ob im schicken Pelzmantel, wärmender Felljacke oder im 3,– Euro Lackieranzug über der Lederkombi – erlaubt ist was gefällt und den Blick fängt. Ein Fest für jeden Fotografen. Dass es aber mit einer reinen Karnevalsveranstaltung nicht verglichen werden sollte, zeigt das internationale Teilnehmerfeld und die spannenden Rennen. Ex-WSBK-Legende Giovanni Bussei im Anzug mit den goldenen Fransen lässt in der Racer-Klasse auf einer Honda 250 keinen Zweifel an seinem Fahrkönnen aufkommen und gewinnt eindrucksvoll auch im Superfinale vor Marco Belli auf CCM, dem europäischen Flattrack-Meister von 2008 und mittlerweile Betreiber der DiTraverso Flattrack School in Varese. Eine Gruppe Engländer, die in der DTRA-Serie aktiv ihre Rotax-Tracker um die Kurven lassen, sind ebenfalls ziemlich schnell unterwegs. Neben den Hamburgern Jörg Niemeyer (Single & Twin Garage) auf BSA und Kumpel Fiete Girardet (mit leider im Training gerissener Primärkette seiner Flattracker Triumph) sind neben mir die einzigen deutschen Teilnehmer, die sich im piemontesischen Hinterland die Ehre geben. Aber wie das bereits arg abgehangene Sprichwort besagt: Dabei sein ist alles. Vielleicht auch im nächsten Jahr wieder. Dann aber höchst illegal mit einer Überdosis ‘Kold Kutters’ im Rad.

Hermann Köpf
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