Moretti Replica-Kits von Carlo Leoncini

Moretti Replica-Kits von Carlo Leoncini

Anfang der 80er Jahre mischten ein paar Privatfahrer auf eigenwilligen Moretti-Kreationen die italienische TT F2 Meisterschaft auf. Als Carlo Leoncini eine von nur sechs gebauten Morettis findet und für sich restauriert, holt er sich gleich noch das Einverständnis von Domenico Moretti persönlich ein, eine auf 10 Stück limitierte Replika-Auflage zu fertigen.

In der Geschichte des Motorrad-Rennsports sind die Zahnriemen-Motoren der Ducati Pantah nicht mehr wegzudenken. Seit den Isle of Man-Erfolgen von Tony Rutter und Kollegen haben sie den Beweis dafür angetreten, dass aus diesem schlanken Motor mit genügend Know-How und Schraubkunst ein schnelles Aggregat gezaubert werden kann, das im richtigen Kleidchen ein Gewinnermotorrad sein kann.

Neben den wenigen Werksmaschinen und Production Racer, die es Anfang der 80er Jahre auf internationalen Rennstrecken zu sehen gab, züchteten sich ideenreiche Tüftler nicht nur eigene Hochleistungsmotoren heran, einige bauten sich gleich neue Komplett-Fahrwerke, die ihrem Verständnis nach Vorteile gegenüber dem handverlesenen Werksangebot boten. Auch in finanzieller Hinsicht verständlicherweise.

Die wohl bekanntesten Ducati-Motoren-Frisierer waren Giorgio Nepoti, Rino Caracchi und Luigi Rizzi, die sich nur eine Katzensprung weg vom Ducati-Werk bereits seit Ende der 60er Jahre unter dem Kürzel „NCR“ einen Namen gemacht hatten. Ihre Motoren liessen nicht nur Mike Hailwood im Jahre 1978 auf einer 900er Königswelle die Formel 1 Klasse gewinnen lassen, sondern brachten vielen Privat-Fahrern und -Teams der italienischen TT F1 und F2 Meisterschaft den entscheidenden Vorteil.

Neben den von der Firma Verlicchi in Bologna gebauten Gitterrohr-Rahmen der TT2-Werksrenner gab es noch Fahrwerke kleinerer Werkstätten, die besonders in der nationalen Rennserie für Aufsehen sorgten. Einer dieser Rahmenbauer war der aus Livorno stammende Domenico Moretti, der für die Saison 1983 sechs Motorräder für die TT F2 Klasse baute. Jeden dieser 600 ccm Pantah-Motoren liess er bei NCR in Höchstform bringen, steckte ihn in seinen selbst konzipierten und gebauten Gitter-Rohr-Rahmen und brachte feinste Magnesium-Räder von Marvic, Brembo-Bremsanlagen und Magnesium-Gabeln von Forcelle Italia oder Marzocchi neben weiteren damals ‘state-of-the-art’ Renn-Schnickschnack daran an. Wenn schon, dann denn schon.

Bereits in der Debut-Saison gewann Ugo Becchetti darauf die italienische FIM TT F2 Trophy (speed category) und auch die TT F2 Langstrecken Klasse zusammen mit seinem Team-Partner Ferdinand De Cecco. Im Jahr darauf fuhr Luciano Leandrini auf Moretti-Ducati auf den zweiten Platz, hinter Fabio Barchitta auf einer von Piero Giannesin gebauten GPM-Ducati – ebenfalls mit einem leichten und sehr wendigen Fahrwerk (und Pantah-Motor) einer kleinen Hinterhof-Werkstatt.

Fast 30 Jahre später findet Carlo Leoncini, passionierter Rennfahrer und Inhaber einer kleinen Fachwerkstatt für Ducati-Motorräder, eine dieser sechs Morettis und beginnt damit sie behutsam zu restaurieren. Im Laufe der Arbeiten kommt ihm dann die Idee, von diesem Meisterwerk des Rahmenbaus Repliken anzufertigen. Er fährt nach Livorno rüber, überzeugt Domenico Moretti von seinem Vorhaben und kommt mit seinem Einverständnis über eine limitierte Auflage von 10 Stück nach Montespertoli, einer beschaulichen Kleinstadt mitten im Chianti-Weinanbaugebiet, nach Hause.

Carlo ist Handwerker mit Leib und Seele. Er zerlegt nun das gesamte Fahrwerk des Originals vorsichtig in seine einzelnen Elemente, fertigt Skizzen an und beginnt mit seiner ersten Kopie aus dünnwandigem und leichten Chrom-Molybdän-Rohren. Selbst die Verkleidung und den Tank des Originals zerschneidet er, um eine Negativ-Form für die GfK-Teile erstellen zu können, die er später für seine Komplett-Kits bei der Firma Europlast von Giampaolo di Succi in der Nähe von Cesena anfertigen lässt. Unzählige Halterungen für Armaturen und Verkleidung werden gebogen und gebohrt, die Fussrastenanlage aus Aluminium nachgefräst. In seiner Garage werkelt er verbissen an seiner ersten Moretti-Replica, in die er einen selbst flott gemachten 750 ccm F1-Motor einsetzt und für seine große Leidenschaft, dem Bergrennen-Fahren, bestmöglich präpariert. Mit dem sehr kurzen Radstand und der noch kürzeren Übersetzung ist er damit der König der toskanischen Berge, füllt damit seine Garage mit weiteren Pokalen.

Von den 10 Bausätzen hat Leoncini in kurzer Zeit sechs verkauft, die restlichen Kits warten in seinem Regal auf Käufer. Etwa 7.000,– EUR kostet das Gesamt-Paket – also Rahmen, Schwinge, Umlenkungen, Halterungen, Tank, Sitz, Verkleidung und Kleinteile. Interessiert sich ein Kunde für ein Komplett-Fahrzeug, kann Carlo aus seinem Lager je nach Budget verschiedene Motoren, Gabeln, Räder und Bremsen zu einem fahrfertigen Retro-Renner mit garantiertem Blickfang-Faktor bauen. Allein der Blick in seine Werkstatt und Garage verifiziert ihn als Ducati-Enthusiast und erfahrenen Mechaniker, bei dem man getrost eine Order platzieren kann.

Bevor uns seine Frau zum Mittagessen ruft, sollten wir noch etwas klassische Musik hören, meint Carlo. Er holt Batterie und Behelfstank aus der Werkstatt und lässt den NCR-Motor mit den typischen Einstempelungen des Fahrers am stehenden Zylinderkopf – in seinem Falle ‘DOT’, weil der damalige Inhaber ein ‘Dottore’ war – ein paar Minuten aufsingen bis die Weinreben in Nachbars Garten anfangen zu wackeln.

Weitere Infos:

Carlo Leoncini: www.motofficinaleoncini.it

 

Hermann Köpf
No Comments
Leave a Comment

Translate »